Alltag mit Zöliakie

moni130
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Registriert: 4. Apr 2020, 18:17

Re: Alltag mit Zöliakie

Beitrag von moni130 »

In meinem Verwandtenkreis (bin ursprünglich aus Italien) wurde mir noch gesagt, dass sie dort für Zöliakie betroffene Personen sehr gut aufgestellt was das Einkaufen oder die Restaurants betrifft, stimmt das?
Ja!!!

Was unsere Diskussion hier angeht, so wollte ich schon dazwischen funken, dass die auch aus meiner Sicht leider etwas in eine falsche Richtung gerutscht ist. Wir alten Hasen bzw. Häsinnen (sorry Ladies) haben da etwas zu viel Fokus auf unsere eigenen Ernährungsgewohnheiten gelegt. Das hat wirklich nicht viel damit zu tun, was in einer Familie mit zwei Kleinkindern abläuft.

Ihr habt völlig Recht damit, daheim alles glutenfrei zu halten, um Kontamination zu vermeiden. Wichtig ist dabei aber auf jeden Fall für alle, dass Backwaren und Nudeln in der glutenfrei-Version nicht den gleichen Stellenwert in Eurer Ernährung erhalten, den sie normalerweise hätten. Im Zweifelsfalle also mehr leckeren Belag auf die Pizza, oder statt belegten Broten öfter mal glutenfreie Blini, das sind kleine Pfannkuchen aus Buchweizenmehl. Ich könnte mir vorstellen, dass die Kinder einen riesigen Spaß haben, diese kleinen Pfannkuchen nach eigenem Geschmack mit glutenfreien Toppings zu dekorieren, bevor sie sie aufessen. Kartoffeln in jeder Form sind den gf Spezialprodukten in Sachen Mikronährstoffe haushoch überlegen. Und sie sind vielfältig einzusetzen. Wenn man das berücksichtigt, kann schon kaum noch etwas schief gehen.

Deine Hoffnung, dass ein Arzt etwas Konkretes zu Mangelrisiken bei gf Ernährung sagen kann, ist leider nicht sehr realistisch. Es gibt für Ärzte keinerlei Anreiz, sich mit Zöliakie zu befassen, geschweige denn mit Fallstricken der gf Ernährung. Ein Arzt kann sicherlich Symptome und Folgen eines Kaliummangels nennen, aber wieviel Kalium in gf Brot im Vergleich zu glutenhaltigem Brot drin ist, das wird Dir wohl kein Arzt sagen können. Antwort: 1/10!

Überfordert brauchst Du dich nicht fühlen. Du stehst vor einer Herausforderung, an der Du Schritt für Schritt wachsen wirst. Genehmige Dir eine Lehrzeit, wie es jedem zusteht, der neue Aufgaben zu bewältigen hat. Im alten Forum gab es mal einen jungen Mann, der sich jenesaispas nannte, also über setzt "ich weiß nicht". Er hat uns teilhaben lassen an seinem Weg von "ich hab Null Ahnung" über etliche Stolpersteine und typischen Überaktionismus, was in irgendeiner Form jeder von uns durchgemacht hat, bis in ein entspanntes gf Leben. Ich habe jede seiner Meldungen mit Genuß gelesen und es waren u.a. genau diese Geschichten, die mich motiviert haben, das Forum vor Löschung zu bewahren. Damit fing es an: http://archiv.zoeliakie-treff.de/viewto ... 761#p76761. Die Antwort, die ich damals für ihn geschrieben habe, kann ich heute, wo es zigmal mehr spezielle gf Produkte auf dem Markt gibt, nur unterstreichen und jedem mit auf den Weg geben, der sich neu mit der Diagnose auseinander setzen muss. Lesenswert ist auf jeden Fall das Tagebuch, das er schon am nächsten Tag begann: http://archiv.zoeliakie-treff.de/viewto ... 15&t=12087

Du schreibst, Du kannst es nicht akzeptieren. Vielleicht fällt es Dir leichter, wenn Du Dir einen Wunsch erfüllst, der im Zusammenhang mit der Diagnose Deiner Tochter einen besonderen Wert hat. Es muss ja nicht gleich, wie bei mir damals, die Anschaffung einer motorisierten Wohnküche mit Bett & Klo sein ;). Ich denke gerade daran, dass Männer ja großartige Grillmeister sind und mit Gegrilltem wunderbare gf Mahlzeiten zubereitet werden können (so lange man kein Bier drüber schüttet). Ein neuer toller Grill, oder zu einem schon vorhandenen noch etwas Zubehör dazu? Eine Eismaschine? Oder sonst irgendetwas, das für die Essenszubereitung nützlich ist. Funktion ist dabei nur ein Aspekt, ein ganz anderer, das ist der symbolische Wert, den so eine Anschaffung hat. Man tut etwas in der Absicht, den Einschränkungen durch die Zöliakie etwas entgegen zu setzen, sie in einem Bereich zu überwinden. Die Wirkung von so etwas ist nicht zu unterschätzen.

Inzwischen haben sich ja doch schon Mitglieder gemeldet, die zu eurer Situation aktuelle Erfahrungen beisteuern können.

LG Monika

Ina77
Beiträge: 4
Registriert: 26. Mai 2020, 22:41

Re: Alltag mit Zöliakie

Beitrag von Ina77 »

Hallo,

so, nun vom Laptop aus.
Bei uns ist es so, dass wir den Alltag daheim recht flott gut hinbekommen haben. Auch wir haben daheim komplett umgestellt. Einfach, um daheim keine Kontaminationen befürchten zu müssen. Ganz ehrlich, kochen gf und gh mit zwei Kindern dabei, das wäre einfach zu kompliziert. Ich finde es klasse, dass unsere Kinder beide, das Zöli-Kind jedoch wesentlich mehr, freiwillig und viel in der Küche mitwerkeln. Gut so, dann kann er es hoffentlich später auch besser umsetzen. Einkaufen dauerte anfangs eeeeeeewig und seit der Diagnose geht mein Mann kaum noch zum Einkaufen.
Schwierig fand und finde ich Verwandte und Freunde drumherum. Von "ach, heute kein Problem mehr, es gibt ja heute sooooo viel gf zu kaufen" (und damit sind die Fertigprodukte gemeint, das sind nämlich die, die z.T. vegan und bio mit gf vermischen), "der Arme", "och, so ein paar Krümel", "Hanuta geht doch, oder?" usw. Feiern finde ich bei anderen unentspannt. Vor allen Dingen mit mehreren Kindern, Glutenkrümeln überall und ich komme mir dann so "Übermuttermässig" vor. Bringe ich etwas gf mit, essen es die Kinder, die Erwachsenen lehnen meist ab. Da MUSS ja etwas fehlen. Gaaaanz langsam kommt an, dass gf (auch) lecker ist. :)
Kiga- feste Regeln. Er bekommt nur Essen, welches ich mitgebe. Frühstücksvesper. Mittagessen, koche ich und wird in einer eigenen Mikrowelle aufgewärmt. Geburtstage u.ä., werde ich, wenn es gut läuft, vorab informiert, setze mich mit den Eltern in Verbindung und gebe ähnliches mit.
Es gibt eine Box mit herzhaften und eine mit süßen Snacks für spontane Anlässe. Alle Boxen haben die selbe Farbe. Aufkleber in Signalfarbe und Namen.... Frühstücks- und Mittagsteller sind bemalt und beschriftet. Glas unterscheidet sich von den übrigen.
Auswärts essen wir selten. Haben die Erfahrung gemacht, dass einige Restaurants um Zölis wissen. Andere verwechseln Glutamat/Gluten/Laktose. Zudem finde ich, als Erwachsener oder eben flexiblerer Zöli sicher einfacher, allerdings fände unser Sohn einen leckeren Salat oder eine Gemüseplatte, gefülltes Gemüse o.ä. nun nicht so dolle. Da haben wir nun zwei Restaurants im Umkreis, bei denen er ausgewählte Speisen essen kann. Bei Feiern in der Verwandtschaft, nehme ich vorab Kontakt auf zum Restaurant (bestenfalls direkt zum Koch). Habe auch schon -nach Absprache- Essen im Warmhaltebehälter mitgebracht.
Urlaub. Sind wir auch zuvor meist in Fewos gewesen. Allerdings nicht mehr so häufig mal übers Wochenende oder so. Basics nehmen wir mit, inkl. Pfanne, Topf, Schneidbretter, Toaster, Kochlöffel, Pfannenwender usw.

Schade ist, dass er im Kiga z.B. noch nie zu einem Kindergeburtstag eingeladen worden ist.
Aber gut. Daheim kommen wir gut klar. Gibt es Feierlichkeiten bei uns in Haus oder Garten, dann alles gf. Da gibt es keine Beschwerden und ist entspannt für alle.

Es gibt nette Bücher zum Thema. Auch für das Alter.
Mittlerweile fände ich es toll, wenn er Kinder treffen könnte, die ebenfalls gf essen (müssen).

Er kommt gut damit klar. Hinterfragt unbekannte Dinge. Hält mir auch Zutatenlisten vor, dass ich schaue, ob Gluten drin ist. Davor isst er es nicht. Von anderen nimmt er nichts, um es sofort zu essen, er hinterfragt. Er sucht das "glutenfrei Zeichen" auf Umverpackungen, z.T. erkennt er das Schriftbild des Ganzwortes "Gluten". Das macht er gut, trotz gf Haushalt daheim.

Ohje. Das ist nun ein langer Roman geworden.

Vielleicht können wir uns mit Kindern im jüngeren Alter noch mehr austauschen/vernetzen? Hier sind wir ja schon mal 3. :)

Herzliche Grüße
Ina

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