Paradox oder nicht - Zöliakie und Übergewicht

Von A wie Augen bis Z wie Zähne kann sich Zöliakie an vielen Organen schädlich auswirken. Wichtig ist, dass daran gedacht wird. Deshalb sollen hier Fallschilderungen das Bewußtsein für die Risiken unbehandelter Zöliakie schärfen.
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moni130
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Paradox oder nicht - Zöliakie und Übergewicht

Beitrag von moni130 »

Untergewicht und ungewollte Gewichtsabnahme gehören zu den "klassischen" Warnzeichen, die den Arzt an eine Zöliakieerkrankung denken lassen sollten. Aber wie schaut es aus bei Personen mit ordenlich etwas auf den Rippen?

Es gibt ernsthafte Studien, die das Gewicht von erwachsenen Zölis registriert haben, also das Gewicht zum Zeitpunkt der Diagnose. Und da zeigte sich, dass es doch einen ganz erheblichen Anteil von Normalgewichtigen und sogar von deutlich Übergewichtigen gibt, bei denen Zöliakie gefunden wird. Ein soche Studie gibt es natürlich nicht aus Deutschland und auch nicht in deutscher Sprache, also nicht innerhalb des Horizonts normaler Hausärzte.

Bis vor wenigen Tagen hatte ich nicht mal den Schimmer einer Ahnung, wie das gehen kann, dass man mit Zöliakie übergewichtig wird, obwohl ich selbst dafür ein gewichtiges Beispiel abgebe und auch normale Schilddrüsenwerte habe. Aber bevor ich jetzt auspacke, was mich auf eine Idee zu einer denkbaren Erklärung brachte, würde ich doch gerne mal wissen, ob das Thema hier eigentlich interessiert bzw. auch andere betrifft.

Monika

AnneM
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Registriert: 14. Mai 2020, 06:34

Re: Paradox oder nicht - Zöliakie und Übergewicht

Beitrag von AnneM »

Hallo Moni,

unsere Kinderärztin erzählte damals stolz, wie sie kurz zuvor einen übergewichtigen Jugendlichen diagnostiziert hatte, der zu ihr kam mit Konzentrationsstörungen und häufiger schlechter Laune. Eigentlich war von ihr nur eine ADHS-Diagnose gewünscht... Ein Meisterstück, darauf zu kommen, wie ich finde.
Also kenne ich aus Erzählungen ein ganz konkretes Beispiel. Wenn auch unsere Maus eher mustergültig abgenommen hat. :|

Ich rate gerne mit:
Für mich denkbar ist natürlich eine Kombination mit Hypothyreose, was ja zu Gewichtszunahme führt.
Eiweißmangelödeme wären ein anderer Punkt, wenn man dafür aber natürlich schon sehr mangelernährt sein müsste...
Und vorstellbar ist natürlich auch eine eher fettreiche Ernährung, wenn man intuitiv schon andere Sattmacher weglässt, die man nicht verträgt.

Auf deine Theorie bin ich sehr gespannt!
Liebe Grüße
Anne

DieL
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Registriert: 8. Aug 2020, 13:03

Re: Paradox oder nicht - Zöliakie und Übergewicht

Beitrag von DieL »

Sehr spannend!

Ich denke, dass Menschen, je nach Typ, vor lauter Mikronährstoffmangel das Grasen anfangen.
Also durch die Zottenatrophie werden zu wenig Zink, Eisen, B12, halt alle essentiellen Mikronährstoffe aufgenommen. Also schreit das Hirn „mehr Futter!“... am leichtesten aufgenommen werden Zucker und Fette, für Aminosäuren muss der Körper schon ordentlich arbeiten.
Also werden im Verhältnis zu den essentiellen Mikronährstoffen und dem wertvollen Eiweiß zu viele Kalorien aufgenommen.
Dann hat man schnell die unglückliche und häufige Situation „übergewichtig und mangelernährt“.

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moni130
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Re: Paradox oder nicht - Zöliakie und Übergewicht

Beitrag von moni130 »

Hallo Anne & Heike,

schön, dass Ihr Euch hier eingebracht habt. Hypothyreose ist natürlich ein Faktor, der bei Zöliakie nicht allzu selten vorkommt, da ja vergleichsweise häufig auch eine Hashimoto-Thyreoiditis mit Zöliakie vergesellschaftet ist. Die lässt sich allerdings diagnostizieren und behandeln.

Das Eiweißmangelödem ist auch gar nicht so weit entfernt. Bis vor etwa 20 Jahren war fast jeder medizinische Fachartikel über Zöliakie begleitet von Bildern von Kindern, die aussahen wie verhungernde Kinder aus Krisenregionen dieser Welt. "Ausladendes Abdomen" bei Kindern mit normaler Ernährung galt als charakteristisch für Zöliakie. Aber sicherlich ist das erst mal nicht mit Übergewicht verbunden, sondern immer noch mit Untergewicht.

Aber was dann passieren kann, das schwant mir, seit ich etwas über Ratten gelesen habe, die nur jeden zweiten Tag gefüttert wurden, weil man Auswirkungen von Intervallfasten untersuchen wollte. Die armen Tierchen verloren erst mal erwartungsgemäß Gewicht - und zwar vor allem durch Abbau der Muskelmasse! Das Bauchfett nahm dagegen zu und auch der Magen vergrößerte sich - und damit der Hunger, der zu immer mehr Nahrungsaufnahme führte an den Tagen, an denen es Futter gab.
Nun ja, Menschen sind keine Ratten, aber wenn bei einem noch nicht diagnostizierten Zöli auf Normalkost diese immer wieder nicht oder nicht vollständig verwertet werden kann, warum sollte es da nicht zu ebensolchen Prozessen kommen können, wie bei den Diät-Ratten? Vergrößerung des Magens, Bauchfett - ich denke gerade an das ausladende Abdomen bei Zöli-Kindern. Ich habe dazu immer nur an Blähbauch gedacht.
Mit der Zunahme von Bauchfett und der Vergrößerung des Magens ist die Geschichte (bei den Ratten) aber noch nicht zu Ende. Es kam zu Insulinresistenz ...
Der Endokrinologe Simon Cork vom Imperial College London erklärte, dass der menschliche Körper bei einem extremen Nahrungsmittelmangel durchaus in einer der Weise reagieren könnte, wie dies in den Experimenten bei den Ratten der Fall war: Der Abbau von Muskelmasse und das Anlegen von Fettreserven sei eine in Hunger­zeiten sinnvolle Überlebensstrategie.
Es sei auch bekannt, dass extremes Fasten unter Umständen zu einer Insulinresistenz führt. Durch die erhöhte Insulinkonzentration könnte es dann bei einer erneuten Nahrungszufuhr rasch zu einer Gewichtszunahme kommen. Auch die Vergrößerung des Magens ist ein ominöses Vorzeichen, da sie den Eintritt der Sättigung verzögert.
- Quelle
Autsch! That's it!

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Sibylle
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Re: Paradox oder nicht - Zöliakie und Übergewicht

Beitrag von Sibylle »

Hallo!

Bei Übergewicht, bzw, viel Bauchfett denke ich auch an eine Auswirkung von Sttess.
Wenn ein Zöli das falsche Futter bekommt, reagiert der Körper mit Stress und der fördert erwiesenermaßen auch Übergweicht.
Wäre auch ein Aspekt.
Liebe Grüße, Sibylle
-----------
https://miteigenenhaenden.wordpress.com/

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moni130
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Re: Paradox oder nicht - Zöliakie und Übergewicht

Beitrag von moni130 »

Guten Morgen Sibylle,

ja, da hast Du schon recht. Stress fürht über verschiedene Mechanismen dazu, dass mancher Mensch dadurch zunimmt. Aber es wird in der Regel immer nur das Gewicht allein betrachtet. Das ist aber zu kurz gesprungen. Der entscheidende Knackpunkt ist aus meiner Sicht die Verschiebung zwischen Muskelmasse und Fetteinlagerung. Also trotz Gewichtsabnahme eine Zunahme des Fetts, speziell des Bauchfetts.

Genau das konnte ich bei mir seit inzwischen fast 30 Jahren beobachten, also seit ich Messwerte dazu habe. Wenn ich das einem Arzt berichtete, hieß es immer nur, die Messungen seien ja viel zu ungenau, um so etwas ernst nehmen zu können. Dann trainierte ich mal in einem ärztlich geleiteten Center, wo eine super genau Körperfettanalyse der ganze Stolz des Leiters war. Ich trainierte nach Plan, ernährte mich nach Plan - und bekam richtig Zoff mit diesem Arzt, weil die zu verzeichnende Gewichtsabnahme deutlich getoppt wurde durch Verlust an Muskelmasse bei Zunahme des Körperfetts. Ich wurde beschuldigt, heimlich "falsch" zu essen und falsch zu trainieren. so einfach ist das. Wenn ein Ergebnis nicht den Erwartungen des Arztes entspricht, dann ist der Patient schuld.

Insulinresistenz: Wer Fett am Bauch rum trägt, bekommt Insulin-Resistenz. Das hat man schon oft gehört. Wenn man das nicht will, soll man also diäten bis die Schwarte kracht? Wenn es denn funktionieren könnte! Tut es aber nicht, denn siehe oben, was die Ratten gezeigt haben: Auf Diät gesetzt, hat der Körper alle Register gezogen, um Fett einzulagern anstatt es abzubauen. Oh, wie ich mit diesen armen Tierchen mitfühle!

Mich braucht aber vorerst niemand zu bedauern. Ich hätte dieses Thema nicht aufgegriffen, wenn ich nicht einen Silberstreif am Horizon sehen würde. Was nun dazu geführt hat, kann ich noch nicht sagen. Ich bleibe weiter dran ...

Monika

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rehlein
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Re: Paradox oder nicht - Zöliakie und Übergewicht

Beitrag von rehlein »

Hallöchen,
Habe ja schon immer Zöliakie, aber die Krankheit war früher noch nicht erforscht.
Und bis vor ein paar Jahren noch nicht wirklich bekannt.

War immer spindeldürr, habe gegessen und gefressen - immerzu und blieb eine lange Dürre.

Erst seit ich wirklich genau weiß was ich essen kann (ohne verstecktes Gluten), und ohne Krümmel und Kontamination habe ich zugenommen und muss sogar aufpassen nicht zu dick zu werden.

Also, die Zöliakie bestand schon immer und ich war dürr mit totalem Untergewicht.
Deshalb denke ich, manch Zöllis haben nicht Übergewicht weil sie Zöllis sind, bzw weil erkannt wurde, dass sie Zöllis sind,
sondern weil sie ENDLICH richtig essen können.

Fazit: Weil ich weiß was ich essen kann und nun die Erfahrung damit habe, kann ich anständig zuschlagen mit dem (nun richtigen) leckeren Essen. Hmmmm :oops:
Liebe Grüße - ALLEN viel Gesundheit!
:P
Rehlein

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moni130
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Re: Paradox oder nicht - Zöliakie und Übergewicht

Beitrag von moni130 »

Hallo Rehlein,

mit Deiner Geschichte gehörst Du zu jenen Zölis, die zu 100 % der üblichen Vorstellung von einem Zöliakiebetroffenen entsprechen. Das sind aber nicht 100 % der Zölis, sondern, wie nach und nach in den letzten Jahren erkannt wurde, nur etwa 60 %. Die restlichen 40 % entsprechen nicht diesem Bild, sondern können durchaus schon VOR der Diagnose Übergewicht entwickelt haben. Und dass es vom Beginn der Erkrankung in der Regel viele Jahre dauert, bis sie tatsächlich diagnostiziert wird, ist ja auch bekannt.

Diese Aufteilung 60 zu 40 % bezieht sich nur auf die wirklich diagnostizierten Zöliakiefälle. Dass es eine riesige Dunkelziffer nicht erkannter Fälle gibt, das ist bekannt. Nun kann man sich an den Fingern abzählen, wie sich die die Dunkelziffer auf die verschiedenen Gewichtsklassen verteilt. Was ich damit sagen will: Ich gehe davon aus, dass die übergewichtige Patienten mehrheitlich gar nicht oder mit noch größerer Verzögerung als Unter- oder Normalgewichtige auf Zöliakie getestet werden.

Dieses Problem will ich jetzt hier nicht weiter vertiefen. Mir geht es um den "Mechanismus", wie es bei undiagnostizierten Zöliakiebetroffenen zu Übergewicht kommen kann. Übergewicht, wenn man immer wieder von Durchfall geplagt ist? Für mich persönlich eine Frage, die mir seit Jahrzehnten keine Ruhe lässt.

Sollte es so sein, wie bei dem Experiment mit den Ratten? D.h. dass der Körper immer wieder keine verwertbare Nahrung bekommt und dann sofort auf "speichern" umschaltet, sobald etwas verwertet werden kann? Erleben manche Zölis ohne Diät in unendlicher Wiederholung das, was man einen JoJo-Effekt nennt? Das allein hätte mich jetzt nicht so überrascht, aber das mit der Insulinresistenz, das gibt mir schon zu denken.

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rehlein
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Registriert: 9. Mai 2020, 23:23

Re: Paradox oder nicht - Zöliakie und Übergewicht

Beitrag von rehlein »

Hallo Moni,
Deine Ausführungen kann ich voll und ganz bejahend nachvollziehen.

Natürlich ist das bei mir eine andere Geschichte, wo ich inzwischen genau weiß was ich essen kann, endlich gut und reichlich essen dürfen:
Ich esse ausgesprochen viel Fleisch und Kartoffeln.
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JA, das wundert mich auch immer: wie kann das sein, Magen-Darm-Beschwerden, Durchfall und nicht dürr sondern "gut im Futter".
Wenn ich dann noch lese, "war froh endlich abzunehmen", ich verstehe es nicht. Und denke dann: na, so schlimm kann es aber nicht sein / gewesen sein.

Dass Leute, die kein Fleisch essen, dicker sind ist logisch, irgendwie will jeder satt werden, und dann essen sie mehr Mehlspeisen.

Aber Leute mit Magen-Darmbeschwerden, Durchfall /Zölis?
Denke, es könnte an einem veränderten Stoffwechsel liegen?
Oder ob Menschen, die zum Dickwerden neigen zu solch Krankheiten am Darm / Zöli u.ä. leichter erkranken oder schon vorprogrammiert sind?
Liebe Grüße - ALLEN viel Gesundheit!
:P
Rehlein

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